Grenzerfahrung

Flüchtlingsberichterstattung zwischen Professionalität und Mitgefühl

Kritisch über Flüchtlinge berichten. Darf man das?

Die Flüchtlingskrise in Europa stellt nicht nur ganze Staaten oder die EU vor grosse Herausforderungen. Auch für die Medien ergeben sich Hindernisse in der Berichterstattung. Ist journalistische Distanz auch gegenüber Flüchtlingen zwingend? Oder sind Journalistinnen und Journalisten bei dieser Thematik vor allem Menschen? Menschen, die Mitleid und Empathie verspüren. Menschen, die deshalb möglichst wohlwollend und unkritisch über Flüchtlinge berichten. Und dabei die journalistische Distanz aussen vor lassen. Wie viel Nähe und gleichzeitig wie viel Distanz ist für eine kompetente und faire Flüchtlingsberichterstattung nötig?

Die vorliegende Projektarbeit des Jahrgangs 2014/16 des Studiengangs New Media Journalism geht diesen Fragen nach.

Wie viel professionelle Distanz müssen Medienschaffende beim Thema Flüchtlinge einnehmen? Wann wird aus zu viel Nähe eine unkritische Berichterstattung? Wann werden aus zu viel Distanz Beiträge ohne Empathie?  Die folgenden beiden Videos sollen diesen Zwiespalt verdeutlichen. Sie thematisieren die gleiche Institution in Salzburg und lassen die gleichen Protagonisten zu Wort kommen – einmal aus der Nähe; einmal aus der Distanz.

Die beiden Videos verdeutlichen den Zwiespalt zwischen Nähe und Distanz in der Flüchtlingsberichterstattung. Doch wie sieht die Problematik wirklich aus? Lassen Medien aus dem deutschsprachigen Raum die nötige Distanz vermissen? Eine Medienanalyse soll diesen Fragen auf den Grund gehen.

Medienanalyse

Eine vergleichende Medienanalyse untersucht, wie distanziert oder nah verschiedene Zeitungshäuser über das Thema berichten.

Analyseparameter

3

Länder (CH/DE/AT)

7

Printzeitungen

2

Monate

120

Reportagen

Um vergleichbare Inhalte zu analysieren, beschränkt sich die Auswahl der Texte auf Print-Reportagen aus deutschsprachigen Qualitätszeitungen (Deutschland, Österreich, Schweiz), die im Zeitraum zwischen dem 1.9.2015 und dem 30.10.2015 erschienen sind.

Methodik

Anhand eines Codebuchs mit drei Kategorien (Titel, Aufmacherbild, Lauftext), wurden die Texte auf insgesamt 17 Variablen untersucht, die mit der Option Ja/Nein bewertet wurden. Ein „Ja“ wurde mit 1 Punkt gewertet, ein „Nein“ mit 0 Punkten. Zur Schlusswertung der Texte wurde das Punkteraster wie folgt aufgeschlüsselt:

0 Punkte Keine Nähe: keine Hinweise auf Nähe über physische Präsenz über die Beobachterrolle hinaus
1-6 Punkte Nähe vorhanden: Journalist bleibt nach wie vor Beobachter
7-12 Punkte Grosse Nähe: Journalist gibt gewissen Anteil an Distanz auf und ist betroffen
13-17 Punkte Totale Nähe: Journalist gibt Beobachterrolle auf und involviert sich, engangiert sich, identifiziert sich; Rollen verwischen

Ergebnisse

Unterscheiden sich deutschsprachige Länder und Zeitungen in der Art ihrer Berichterstattung?

Vor dem Hintergrund dieser Frage wurden in der Auswertung Durchschnittswerte ausgerechnet. Der Grad der eingenommenen Nähe unterscheidet sich aber weder im Länder- noch im Zeitungsvergleich drastisch. Alle analysierten Zeitungen erhielten Resultatswerte zwischen 5,1 und 6,5: sie weisen in der Berichterstattung somit Nähe auf, die Rolle des Beobachters wird aber nicht aufgeben.

Während Österreichische Zeitungen in ihrer Berichterstattung im Durchschnitt die grösste Distanz wahren und sich in der eingenommenen Nähe kaum voneinander unterscheiden, konnte sowohl bei den Deutschen als auch bei den Schweizer Zeitungen eine Differenz ausgemacht werden. Es zeigte sich, dass die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ tendenziell näher über die Flüchtlings-Thematik berichtet als die „Süddeutsche Zeitung“. Am deutlichsten unterscheiden sich die Zeitungen aber in der Schweiz, deren Berichterstattung im Mittelwert die grösste Nähe aufweist. Während sich der Durschnitt der NZZ-Artikel mit einem Wert von 5,4 im Mittelfeld der analysierten Texte platziert, stellten sich die Reportagen des „Tagesanzeigers“ in der Gesamtbetrachtung als am nächsten und emotionalsten heraus.

5,4

Schnitt DE

5,6

Frankfurter Allgemeine Zeitung

5,1

Süddeutsche Zeitung

5,9

Schnitt CH

6,5

Tagesanzeiger

5,4

Neue Zürcher Zeitung

5,2

Schnitt AT

5,4

Kurier

5,1

Die Presse & Der Standard

Wie nah sind Journalisten dran?

Grosse Nähe: 34
Nähe vorhanden: 84
Keine Nähe: 2

Die Mehrheit, das bedeutet konkret 70% der ausgewerteten Artikel (84 von 120) weisen eine gewisse Nähe des Journalisten am Geschehen auf (Nähe vorhanden). Dabei wird aber klar die Rolle des Beobachters eingenommen, ohne beispielsweise aktiv zu Hilfe aufzurufen.

Grosse Nähe weisen laut der Analyse rund 28% (34 von 120) der Reportagen auf. Das heisst, dass etwa ein Viertel der Journalisten einen übermässigen Teil ihrer Distanz aufgegeben haben und beim Lesen ihrer Artikel die persönliche Betroffenheit erkennbar wird.

Eine absolut distanzierte Berichterstattung konnte bei lediglich zwei Artikeln festgestellt werden.

Die sieben Beiträge in der Galerie weisen in der Medienanalyse die grösste Nähe auf.

  • Flüchtlingskrise: Die Schande von Spielfeld

    Kurier, 24.10.2015
    Von Dominik Schreiber
    Zum Beitrag

  • Immer wieder Österreich

    Der Standard, 13.09.2015
    von Manfred Rebhandl
    Zum Beitrag

  • Wo das zweite Leben beginnt

    Die Presse, 10.10.2015
    Von Duygu Özkan, Elisabeth Postl und Jürgen Streihammer
    Zum Beitrag

  • Kampf gegen Schleuser: Mission Impossible

    Frankfurter Allgemeine Zeitung, 4.10.2015
    Von Friederike Böge
    Zum Beitrag

  • Hilfe

    Süddeutsche Zeitung, 6.10.2015
    Von Bernd Kastner
    Zum Beitrag

  • Sicherheit ohne Zukunft

    Neue Zürcher Zeitung, 18.9.2015
    Von Inga Rogg
    Zum Beitrag

  • München leuchtet

    Tages Anzeiger, 18.9.2015
    Von Thomas Anlauf und Nina Bovensiepen
    Artikel online nicht verfügbar

Die Medienanalyse hat ergeben, dass die meisten der untersuchten Beitrage zwar eine gewisse Nähe aufweisen, die Medienschaffende ihre Beobachterrolle in den meisten Fälle aber immer noch behalten. Doch wie erleben Medienschaffende selbst ihren Arbeitsalltag geprägt durch die Flüchtlingskrise?

Wie erleben Journalisten die Berichterstattung über Flüchtlinge?

Tausende Flüchtlinge am Münchner Hauptbahnhof. Kleine Kinder, die mit ihren Eltern die lange und gefährliche Flucht mitgemacht haben. Abgekämpfte frierende Menschen, die durchnässt am Strand auf einer der zahllosen griechischen Inseln ankommen. Die Situation der Flüchtlinge geht nahe – das ist menschlich. Auch für Journalisten ist die Flüchtlingskrise belastend; eine Distanz zum Elend zu schaffen, ist oftmals schwierig. Eindrücke und Gefühle verschwinden nicht am Feierabend. Drei Medienschaffende erzählen, wie sie ihre Berichterstattung über die Krise erleben, was sie am meisten beschäftigt und wie sie mit den Herausforderungen umgehen.

Martje Rust, 25

  • Hörfunkjournalistin
  • Schwerpunkt:
    soziale Themen

Mike-Thomas Römisch, 46

  • Kamera + Schnitt
  • berichtet u.a. aus Afrika, Asien, Ägypten und Syrien

Katharina Kregel, 31

  • Fernsehjournalistin
  • Schwerpunkt:
    soziale und gesellschaftliche Themen

Die drei Deutschen Journalistinnen und Journalisten sehen die Berichterstattung über Flüchtlinge als grosse Herausforderung. Zudem geben sie zu, dass die menschlichen Schicksale sie oftmals auch am Feierabend noch beschäftigen. Sie kennen jedoch nur die Seite des Berichterstatters aus dem Zielland eines Flüchtlings und bewerten Nähe und Distanz aus dieser Perspektive. Die Syrerin Brigitte Isaac ist jedoch sowohl Journalistin als auch Flüchtling. Sie kennt auch die Kehrseite der Medaille.

Wenn Journalisten flüchten

Journalistinnen und Journalisten, die über die Flüchtlingskrise berichten, sind die eine Seite. Andererseits dürfen sich auf Medienseiten auch Leserinnen und Leser zu Wort melden. Die meisten Medienunternehmen haben aber zunehmend Probleme, mit Hetzkommentaren und unfairen Diskussionen. Weil die Moderation der Kommentarfelder viele Ressourcen binden würde, sind in dieser Hinsicht alternative Wege gefragt.

Zivilisierte Diskussion statt Hetzkommentare

Die Kommentarfunktion gehörte über Jahre zum Standard jeder News-Webseite. Doch der Wind scheint sich zu drehen. Immer mehr klassische Medienhäuser aber auch neue Online-Angebote schliessen ihre Kommentarfunktion oder bieten keine an. Zu viele der Kommentare sind zu hetzerisch, zu reisserisch und manchmal gar strafwürdig. Eine professionelle Moderation könnte dies zwar verhindern oder ausgleichen, wie eine Studie ergeben hat, braucht aber auch entsprechende Ressourcen. Vor allem in Ausnahmesituationen, wie der vorherrschenden Flüchtlingskrise, prallen verschiedene Meinungen aufeinander. Viele Kommentatoren sind gar keine Leser und nutzen lediglich die Öffentlichkeit des jeweiligen Mediums, um ihrem Frust und ihren Ängsten freien Lauf zu lassen. Sie kommentieren meist anonym und werden gerade deshalb immer ausfälliger.

Das Publikum komplett aus dem Diskurs auszuschliessen, kommt für die meisten Anbieter jedoch nach wie vor nicht in Frage. Andere Ansätze sind deshalb gefragt, wie die Kommentarspalten oder deren Nachfolger zu einem Ort zivilisierter Diskussion werden können. Wir haben vier Ansätze untersucht.

The Coral Project

«We want to give publishers the ability to better understand their contributors and control the level of discourse on their sites» – Die Macher über ihre Idee

Der Algorithmus des Coral Project sammelt verschiedene Daten über Nutzer und deren Kommentare (Likes, Shares, Kommentare von Community Managern und mehr). Daraus wird der Ruf eines Nutzers errechnet. Webseitenbetreiber können so ihre besten Nutzer privilegieren und die notorischen Hetzer marginalisieren. Der Dienst soll noch 2016 live getestet werden.

Vorteile:

  • Aufwandverringerung gegenüber traditioneller Moderation
  • Keine rein technische Selektierung von Kommentaren

Nachteile:

  • Praxistest steht aus
  • Gefahr der Übervorteilung arrivierter Nutzer und des Übersehens interessanter neuer Nutzer

Civil Comments

«The only comment platform built for civility and respectful debate.» – Die Macher über ihre Idee

Jeder Nutzer muss auf Civil Comments beim Abgeben eines Kommentars sowohl den eigenen als auch drei weitere Kommentare anderer Nutzer bewerten. Und zwar in Bezug auf die Qualität als auch auf die Definition von „zivilisiert“. Mit dem Online-Portal Willamette Week hat eine erste Webseite das Plugin Anfang 2016 in Betrieb genommen.

Vorteile:

  • Aufwandverringerung gegenüber traditioneller Moderation
  • Keine rein technische Selektierung von Kommentaren

Nachteile:

  • Bewertung anderer Kommentare schwierig, wenn der dazugehörige Artikel nicht bekannt ist
  • Schwammige Kategorie der «Zivilisiertheit»

Huffington Post

«It’s the start of conversation where you want to have it — and where you’ve been having it already.» – Die Macher über ihre Idee

Die News-Seite Huffington Post hat Mitte 2014 ihre eigene Kommentarfunktion deaktiviert und blendet stattdessen jetzt eine Facebook-Kommentar-Box ein. Um zu kommentieren, muss man bei dem Social Network angemeldet sein.

Vorteile:

  • Einfaches Teilen der Kommentare auf Facebook
  • Teilweise Auslagerung der Verantwortung an Facebook

Nachteile:

  • Keine eigene Community
  • Facebook-Zwang

Leserbrief 2.0

«We’re replacing comments with something better» – Die Macher über ihre Idee

Der Sparten-Channel des News-Netzwerks Vice hat im Oktober 2015 seine Kommentarfunktion abgestellt. Wer sich seither zu einem Thema äussern will, muss dies per Mail an letters@motherboard.tv tun. Ungefähr jede Woche will Motherboard die besten Einsendungen kuratiert veröffentlichen.

Vorteile:

  • Aufwand wird gebündelt und tendenziell verringert
  • Qualität der Leserbriefe höher

Nachteile:

  • Keine Diskussion
  • Keine Unmittelbarkeit

Bisher wurden die Flüchtlingsberichterstattung in den deutschsprachigen Medien analytisch und durch Interviews mit involvierten Journalisten beleuchtet. Nun soll die Wissenschaft zu Wort kommen. Ist die Medienkritik im Zuge der Flüchtlingskrise wirklich gerechtfertigt? Woher stammt der Begriff „Lügenpresse“? Und hat die Wissenschaft Beweise gefunden, dass Medienschaffenden bei der Flüchtlingsberichterstattung die professionelle Distanz verlieren?

Medienexperten sprechen über die Flüchtlingskrise

Im Zuge der Flüchtlingskrise werden Medienschaffende immer wieder wegen angeblich tendenziöser und unkritischer Berichterstattung beschimpft und angegriffen. Zwei Kommunikationswissenschaftler sprechen über die Krise, die Medien und die Politik.

Die Medien versuchen möglichst zurückhaltend zu berichten.

Kommunikationswissenschaftler Martin Emmer ist Professor für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft mit dem Schwerpunkt Mediennutzung. Er forscht an der Freien Universität Berlin zu Internetthemen und Mediennutzung.

NMJ: Medien werden aktuell immer wieder kritisiert, sie würden einseitig berichten und Informationen verschleiern bzw. zurückhalten. Wie schätzen Sie diese Kritik ein?

Emmer: Vorab: es gibt dazu noch keinerlei wissenschaftliche Daten; meine Expertise reicht deshalb nicht viel weiter als die anderer Beobachter und fusst eher auf subjektiver Wahrnehmung. Ein Problem ist vielleicht, dass viele Medien angesichts der heiklen Aspekte dieses Themas versuchen, möglichst zurückhaltend und sachlich zu berichten; dann schlägt die Kakophonie der unterschiedlichen Wortmeldungen – von „Refugees Welcome“ bis „Obergrenze“, von Kriminalitätsgerüchten und Gewalttaten bis zu herzerwärmender spontaner Hilfsbereitschaft -, direkt durch auf den Medieninhalt und die Wahrnehmung der Rezipienten. Eine etwas aktivere und einordnende Rolle der Medien wäre wünschenswert.

NMJ: Warum werden Medien aktuell kritisiert? Woher kommt die Haltung „Lügenpresse“?

Emmer: Man sollte das nicht überdramatisieren. Ein signifikanter Teil der deutschen Bevölkerung, je nach Region fünf bis fünfzehn Prozent, hat das Gefühl, dass die Abbildung der Welt in den Medien sich nicht mehr mit ihrer eigenen Sicht deckt. Wenn man dann nicht reflektiert genug ist, um mit gelegentlichen Fehlern von Journalisten umgehen zu können und um sein eigenes Weltbild zu prüfen, ist es ein Reflex, nach Sündenböcken und Verschwörungstheorien zu greifen. Insgesamt ist es aber nicht so, dass bei allen Bürgern generell das Vertrauen in Medien zurückgehen würde. Das ist zum Teil ein Wahrnehmungsproblem, das durch die besonderen Eigenschaften der digitalen Kommunikation in sozialen Netzwerken ausgelöst wird: Wenn kleine, aber aggressive und aktive Gruppen Medien und Foren im Netz mit ihrer Kritik überschwemmen, entsteht schnell ein wenig repräsentativer Eindruck einer weit verbreiteten Kritik. Weil Inhalte im Netz aber mittlerweile so individualisiert verbreitet werden, lässt sich – anders als in den wenigen, klassischen Massenmedien – hier gar keine „objektive“ Meinungsverteilung mehr ermitteln: Real ist, was wir jeweils in unseren Timelines sehen.

NMJ: Wie sollten Medien nach agieren, um das Vertrauen der Leser und Zuschauer wieder zu erlangen? Ist das überhaupt nötig?

Emmer: Den harten Kern an Menschen, die sich in eine solche Spirale aus Verschwörungstheorien und Hass hineingezogen haben, bekommen Sie vermutlich ohne Psychotherapie nicht mehr heraus. Aber es gibt viele, die noch nicht so weit sind und eher mit Abwendung von Politik und Desinteresse auf solche Debatten antworten. Die kann man mit den üblichen vertrauensbildenden Massnahmen – Ehrlichkeit, Transparenz, Eingestehen von Fehlern, besserer Information und Einordnung – wieder gewinnen.

NMJ: Wie viel Nähe darf ein Journalist zulassen, was wäre für Sie eine Grenzüberschreitung?

Emmer: Ich würde eher sagen, es muss für die Rezipienten deutlich werden, wie Journalisten arbeiten: Wenn ich weiss dass etwas sehr subjektiv ist, hat das eventuell durchaus Erkenntnispotenzial. Eine Grenzüberschreitung ist es nur dann, wenn es als etwas anderes verkauft wird als es ist.

NMJ: Haben Journalisten im vergangenen Jahr ihre Distanz verloren und sich „mit den Flüchtlingen gemein gemacht“?

Emmer: Nein. Journalisten, die eine in der Verfassung abgesicherte Aufgabe wahrnehmen, sollten diese Aufgabe im Rahmen unserer Grundwerte erfüllen, die im Wesentlichen durch Menschenwürde und Menschenrechte definiert sind. Kein Mensch hat einen Anspruch darauf, dass Journalisten seine rassistischen oder menschenverachtenden Positionen verbreiten oder vertreten, auch wenn es einen signifikanten Bevölkerungsanteil geben mag, der genauso denkt.

Ich kann die Kritik nicht verstehen.

Kommunikationswissenschaftler Patrick Donges forscht über politische Kommunikation, Medienstrukturen, Medienpolitik und Mediendemokratie. Seit 2010 übt er als Professor das Amt des Studiendekans der Philosophischen Fakultät in Greifswald aus.

NMJ: Es scheint, als wäre nicht nur die Politik von der Flüchtlingskrise überfordert, sondern auch die Medien. Stimmt das?

Donges: Ich glaube, dass wir alle überfordert sind. Die Flüchtlingskrise ist eine Folge der Globalisierung. An der Globalisierung können wir nichts ändern. Die Grenzen sind offen und die Bedeutung von Nationalstaaten nimmt ab. Das bedeutet auch, dass auch unser Verständnis von Politik und von realtiv homogenen Gesellschaften, wie wir es über hunderte von Jahren hatten, überdacht werden muss. Die gesamte Gesellschaft muss sich deshalb erst umstellen. Und das – wie ein Europa mit offenen Grenzen funktionieren soll – überfordert glaube ich alle im Moment.

NMJ: Die Berichterstattung über Flüchtlinge wird teilweise als zu einseitig und zu tendenziös kritisiert. Ist diese Kritik angebracht?

Donges: Das konnte ich nicht beobachten. Durch die Bank sehe ich Medien, die ausgewogen berichten. Es gibt Medien, bei denen man eher eine Tendenz feststellen kann, aber ich würde nicht sagen, dass sie einseitig und tendenziös über Flüchtlinge berichten und auch nicht über die Politik von Kanzlerin Merkel. Darüber wird innerhalb einzelner Medien sehr ausgewogen berichtet. Ich kann die Kritik nicht verstehen.

NMJ: Warum werden Medien aktuell kritisiert? Woher kommt die Haltung „Lügenpresse“?

Donges: In den vergangenen Jahren wurden viele gesellschaftliche Institutionen hinterfragt, denen man früher blind vertraute. Es ist ein Phänomen, was wir überall beobachten können. Es fing an mit der Politik: Da haben wir den Begriff der Politikverdrossenheit. Der meines Erachtens nach beschönigend ist. Wenn ich die Kommentare auf Facebook lese, dann ist das Politikverachtung – nicht Verdrossenheit. Gleiches gilt für die Schule. Was für Autoritäten waren Lehrpersonen früher? Heute müssen sie jede Entscheidung den Eltern erklären. Nachdem die Politik, die Schule, die Polizei und das Militär dran waren, sind eben jetzt die Medien dran. Die Medien müssen sich gefallen lassen, dass auch ihre Arbeit zunehmend  hinterfragt wird. Was insofern ironisch ist, weil die Medien ja früher eigentlich die waren, die das immer mit den anderen gemacht haben. Und jetzt werden kritische Fragen an die Medien gestellt und das finden Journalisten unfair.

NMJ: Es gibt in der Flüchtlingsthematik eine Welle der Hilfsbereitschaft, auch unter Journalisten. Wie wichtig ist es, als Journalist trotz Betroffenheit eine professionelle Distanz zu wahren um seine Glaubwürdigkeit nicht zu verlieren?

Donges: Sehr wichtig! Es gilt immer noch der Satz des mittlerweile verstorbenen Journalisten und Moderators Hanns Joachim Friedrichs, „sich nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten“. Es kommen viele wirklich hilfsbedürftige Flüchtlinge zu uns. Wie immer, wenn eine Million Menschen zusammen sind, sind aber nicht nur nette Menschen darunter. Es sind auch Kriminelle nach Deutschland gekommen. Darüber muss man sprechen können. Über bestimmte Probleme, die vorher ja auch schon artikuliert worden sind, hätten Medien vielleicht auch früher berichten können. Dabei ist es problematisch, weil sich Journalisten der Kritik ausgesetzt sehen, dass sie den Rechten in die Hände spielen. Trotzdem müssen Medienschaffende auch über kriminelle Flüchtlinge berichten. Dafür werden sie bezahlt.

Was bedeuten Nähe und Distanz?

Was bedeuten eigentlich Nähe und Distanz im Journalismus? Reden wir alle vom gleichen? Die folgenden Definitionen bringen – aufgrund der Erkenntnisse dieser Arbeit – Licht ins Dunkel.

Nähe

Der Journalist ergreift bewusst Partei und versucht mit seiner journalistischen Wahrnehmung die des Rezipienten gezielt zu beeinflussen. Er greift in das Geschehen ein und nimmt Einfluss.

Distanz

Der Journalist berichtet objektiv und ausgewogen. Er ist der überparteiliche Beobachter, der außerhalb des Geschehens steht. Ihm geht es darum, das Thema als kompaktes Ganzes wiederzugeben und die Wahrheit herauszufinden.

Fazit

Die befragten Journalistinnen und Journalisten sind sich einig, dass die Flüchtlingskrise sie in ihrem Berufsalltag vor grosse Herausforderungen stellt. Erlebnisse mit den Flüchtlingen beschäftigen die Medienschaffenden auch nach der Arbeit noch. Trotzdem hat die Medienanalyse ergeben, dass die meisten Journalisten in Deutschland, Österreich und der Schweiz bei der Berichterstattung eine professionelle Distanz wahren. Bei lediglich 28 Prozent der untersuchten Beiträge wurde eine erhebliche Aufgabe der Distanz festgestellt.

Diese Tendenz beobachten auch die beiden befragten Kommunikationswissenschaftler. Für sie ist die Maxime: „sich nicht mit einer Sache gemein machen, auch nicht mit einer Guten“ immer noch gültig. Die Medienkritik können beide nur teilweise nachvollziehen und führen sie auf veränderte Wahrnehmung, die Suche nach Sündenböcken und den Fakt zurück, dass gesellschaftliche Institutionen zuletzt immer stärker hinterfragt wurden. Beide wollen die Kritik allerdings nicht überdramatisieren und geben an, dass kein signifikanter Verlust des Vertrauens in die Medien feststellbar ist.

Trotz dieser positiven Zeichen bleibt die Berichterstattung über die Flüchtlingskrise aus medienethischer Sicht eine grosse Herausforderung. Dazu gehören auch, dass neue Mittel geschaffen und eingeführt werden, um die Diskussionen auf Medienseiten auf einem konstruktiven und fairen Niveau zu halte. Damit soll Hetzern der Wind aus den Segeln genommen werden.

Insgesamt sind die deutschsprachigen Medien der Herausforderung „Flüchtlingskrise“ gewachsen. Da und dort mag es – wie überall – Verbesserungspotenzial geben. Eine massive Aufgabe der journalistischen Distanz ist aber nicht abzusehen.

Und Sie?

Die Fehler anderer sehen wir rasch, zeigen gerne auch mit dem Finger auf sie. Doch wie verhalten wir uns selbst in Situationen, die medienethisch kritisch sind? Schliesslich ist es verlockend, ab und an eine kleine Vergünstigung anzunehmen – vor allem bei den mageren Gehältern, die in der Medienbranche mittlerweile gezahlt werden. Medienethik ist schliesslich nicht nur in der Berichterstattung über Flüchtlinge ein wichtiges Thema. Finden Sie im Quiz heraus, zu welchem Typ „Journalist“ Sie gehören.

Wie ethisch korrekt sind Sie ?

Der Integre

Sie sind das ethische Gewissen der Redaktion. Vom reichhaltigen Buffet eines Pressetermins halten Sie sch fern. Fotos zeigen Sie nur, wenn sie dem Sachverhalt dienen und von Verdachtsberichterstattung halten Sie gar nichts. Ihnen geht es um Wahrheit und Objektivität. Mit Geschenken umschmeicheln kann Sie höchstens Ihr Lebenspartner.

Der Opportunist

Zum Mittagessen kann man sich schon mal einladen lassen. Die Annahme eines First-Class-Fluges ist Ihnen dann doch ein bisschen zu dreist. Sie entscheideen situationsabhängig und was nach Ihrer Ansicht noch ethisch im Rahmen des Vertretbaren liegt. Sie denken, niemand kann sich ethisch vollkommen korrekt verhalten. Warum also sollten Sie es tun?

Der Skrupellose

Die Folgen Ihres Handelns hinterfragen? Wozu auch? Die Sensationsberichterstattung ist Ihr Ding. Ethik hin oder her. Was zählt ist, ob es gelesen wird und wie oft es im Netz geklickt wird. Schlechtes Gewissen haben Sie nicht mal, wenn Sie ein 13-jähriges Kind eines terroristischen Anschlags für eine Geschichte interviewen. „Bild“, „Blick“ und „Kronen Zeitung“ warten schon auf Ihre Bewerbung.

Sie führen mit dem Emir von Katar ein Interview. Er möchte nicht, dass Sie mit ihm über Menschenrechtsverletzungen sprechen. Dafür bietet er Ihnen das neueste Modell der Rolex an. Was machen Sie?

Immer her damit. Bei meinem lausigen Journalistengehalt hätte ich zwei Jahre auf die Uhr sparen müssen.

Was soll ich mit einer Rolex? Ich will mit dem Emir über die aktuellen Ereignisse sprechen, auch die unangenehmen.

Es muss ja nicht gleich eine Rolex sein. Es reicht auch ein kleines goldenes Schwert.

Nach den Übergriffen von Köln finden Sie heraus, dass ein Täter mehrere Frauen sexuell belästigt hat. Sie wissen, dass er in einer Asylunterkunft in Köln lebt. Sie kennen seinen Namen und haben auch ein Foto von ihm. Würden Sie das Foto in der Zeitung bringen und schreiben, wo er untergebracht ist?

Damit nachher die Rechten die Asylunterkunft abfackeln? Soweit kommt es noch. Ich drucke weder das Foto ab, noch berichte ich, wo er untergekommen ist.

Ich würde schreiben, dass der Mann in einer Asylunterkunft in Nordrhein-Westfalen lebt. Das Foto würde ich nicht abdrucken. Ich stelle keinen an den Pranger.

Der Mann hat mehrere Frauen sexuell belästigt. Die Leute haben ein Recht zu erfahren, wie er ausschaut und wo er untergebracht ist.

Das Unternehmen Apple lädt Sie für die Vorstellung des neuen i-Phones nach Kalifornien an den Unternehmenssitz ein. Sie fliegen First-Class, wohnen in einem fünf Sterne-Hotel. Treten Sie die Reise an?

Ist schon lange her, dass ich meinen letzten Urlaub hatte. Na klar fliege ich.

Der Erste-Klasse-Flug und das teure Hotel führen doch dazu, dass ich wohlwollend berichte. Ich fliege nicht.

Ich fliege, aber auf eigene Kosten. Ein Hotel suche ich mir auch.

Ein Mann sitzt wegen schweren Raubes im Gefängnis, zwei Menschen kamen dabei ums Leben. Dem Täter gelingt die Flucht. Er möchte mit Ihnen und Ihrer Zeitung sprechen. Es kommt zu einem Treffen. Melden Sie danach der Polizei, wo sich der Täter aufhält?

Ich bin Journalist, nicht der verlängerte Arm der Polizei.

Der Mann hat eine Straftat begangen, natürlich melde ich seinen Aufenthaltsort.

Ich melde es der Polizei ein paar Tage nach dem Treffen anonym.

Sie arbeiten für die Zeitschrift „Bunte“ in München. Seitdem Pep Guardiola den FC Bayern trainiert, sind Sie sehr gut mit ihm befreundet. Sie treffen sich regelmäßig, auch mit ihren Familien. Sie erfahren, dass Guardiola ein außereheliches Verhältnis hat und dass seine Affäre schwanger ist. Berichten Sie darüber?

Ich dränge die schwangere Frau dazu, die Affäre publik zu machen. So bin ich fein raus.

Ich informiere Guardiola vorher und sage ihm, dass wir mit der Geschichte auf die Titelseite gehen.

Ich bitte einen Kollegen, die Geschichte zu machen.

Sie sind als Fotograf in Indien unterwegs. Dort ist gerade ein schweres Unwetter ausgebrochen. Häuser stehen schon unter Wasser. Sie sind an einer sicheren Stelle. An Ihnen schwimmen Menschen vorbei, denen Sie helfen könnten. Was machen Sie?

Ich bin hier, um die Ereignisse zu dokumentieren. Dann bringe ich meine Kamera in Sicherheit und dann haue ich hier so schnell wie möglich ab.

Ich lege die Kamera beiseite und versuche zu helfen, wo es geht.

Ich werde mich einer Helfertruppe anschließen. Diese helfen den Leuten und so kann ich ohne schlechtes Gewissen meiner Arbeit nachgehen.

Sie führen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel ein Gespräch „unter drei“. D.h. darüber dürfen Sie nicht berichten. Sie erzählt Ihnen, dass sie schwer krank ist und eigentlich ihr Amt nicht mehr ausüben könne. Berichten Sie trotzdem darüber?

Ich stecke die Geschichte ein paar Kollegen aus anderen Medien und hoffe, dass sie darüber berichten.

Die nächste Bundestagswahl ist im Herbst 2017. Unwahrscheinlich, dass Merkel so lange durchhält. Ich muss darüber berichten.

„Unter drei“ heißt: nicht darüber berichten. Daran halte ich mich.

Sie bekommen in die Redaktion von einem Fotografen ein Bild geschickt, der in Indien einen mutmaßlichen Vergewaltiger fotografiert hat, der von einem Mob auf offener Straße gelyncht wird. Zeigen Sie dieses Foto?

Damit Oma beim Frühstück das Brötchen oben wieder rauskommt? Ganz bestimmt nicht.

Das Bild des Mannes zeigen wir, aber verpixelt.

Lynchjustiz ist in vielen dörflichen Gegenden Indiens weit verbreitet. Wir zeigen das Bild und machen dazu ein größeres Hintergrundstück über Lynchjustiz in Indien.

Zwei Menschen aus dem Ort ihrer Zeitung sind vom Islamischen Staat (IS) entführt worden. Der IS zeigt ein Video, in dem beide geköpft werden. Zeigen Sie für Ihren Online-Auftritt das Video?

Wenn es ein Foto von den beiden gibt kurz vor der Hinrichtung zeigen wir das zumindest. Das Video aber nicht.

Ich mache keine Propaganda für den IS. Er will doch gerade Aufmerksamkeit mit diesen Videos erzeugen. Wir zeigen das Video nicht.

Natürlich. Es ist nicht das erste Mal, dass der IS Menschen vor laufender Kamera hinrichtet. Wir müssen das Video zeigen. Zumal beide aus dem Heimatort kommen.

Ein Bürgermeister hört nach 20 Jahren im Amt auf. Sie schreiben das Porträt über ihn. In dem Gespräch erzählt er Ihnen, dass er eines seiner Kinder verschwiegen hat, weil es geistig schwer behindert ist. Er habe nicht daraus Kapital schlagen wollen, das Kind sollte ohne Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit in einer besonderen Einrichtung aufwachsen. Er bittet Sie, das nicht zu erwähnen. Halten Sie sich dran?

Ich würde noch einmal mit ihm reden und ihn überzeugen, dass ich darüber gerne schreiben würde. Seine Begründung klingt nachvollziehbar, so würde ich es in meinem Text auch schreiben.

Vielleicht hat er noch ein paar andere Leichen im Keller. Das ist die Story: „Bürgermeister verschweigt eigenes Kind, weil es behindert ist.“

Natürlich ist das ein interessanter Aspekt, aber auch verständlich, dass er nichts darüber in der Zeitung lesen will. Ich erwähne es nicht.